
|
Der
folgende Artikel über diese sehr alte Maltechnik ist um 1944/46 in
einer deutschen Zeitung oder Zeitschrift erschienen. Leider ist der Verfasser
nicht bekannt. Da dieser Artikel als sehr treffend bezeichnet wurde, wird
er hier ungekürzt wiedergegeben.
Das Wachs der Bienen, gebleicht, gehärtet
und mit Farbe gemischt, ist ein Stoff, den schon die Alten gebrauchten,
wenn im Portrait der Schein atmender Haut hervorgebracht, wenn weniger
die künstlerisch Form, sondern vor allem das naturgetreue Abbild
als Erinnerung für immer verwahrt werden sollte. Aus Wachs war jene
Bildnismaske gefertigt, die nach dem ius imaginum die vornehme römische
Familie von einem Verstorbenen anfertigen ließ, der zu Lebzeiten
ein hohes Amt bekleidet hatte. Starb ein anderes Mitglied der Sippe, dann
trug ein Schauspieler Maske und Amtstracht, und mit ihm schritten weitere
Schauspiele. in den Masken der Vorfahren im Trauerzug. Es war mehr als
Schauspiel: Namen, durch Verdienst berühmt, doch längst der
Erinnerung überlassen, wurden in die Gegenwart gerufen, verweilten,
durch Maske und Gebärde zu "schrecklich treuem" Leben erweckt,
in der hellen Wirklichkeit der Stunde und gaben etwa dem Sohne des Verstorbenen,
der die Denkrede zu halten hatte, ein Forum, aus dem das Vergangene ausgelöscht
war und nur Allgegenwärtiges undeutbar deutlich das Geschehen über
alle Täuschung hinweg zum Ereignis erhob.
Als Material, das sich plastisch zu letzten
Feinheiten verarbeiten ließ und durch Farbe und Oberflächenwirkung
gleichzeitig den Wünschen des Künstlers wie des Auftraggebers
entgegenkam, ist Wachs immer ein Werkstoff, der Bildhauer gewesen, der
zudem noch bemalt werden konnte. Das bekannteste Beispiel der Wachsbildnerei
ist die viel umstrittene 'Flora', die eine alte Überlieferung Leonardo
da Vinci zuschreiben will. Die besondere Eigenschaft des Wachses hautähnlich
zu wirken, führte auch im Mittelalter bis später zum Anfang
des neunzehnten Jahrhunderts dazu, im Trauerzeremoniell Wachsnachbildungen
des Verstorbenen mitzuführen, ein Brauch, der dann zu guter Letzt
wohl die Anregung gab, mit gefärbtem Wachs, Glasaugen, echtem Haar
und originaler Kleidung in wahrheitssüchtigem Verlangen jene Figuren
zu schaffen, die in Castans Panoptikum unseren Großeltern das Gruseln
lehrten.
Polygnot, Apelles und andere Maler der Antike
schufen ihre Werke wahrscheinlich mit heiß vermalten, eingeschmolzenen
Wachsfarben; nach dem Vorgang des Einbrennens der Farben wird diese Technik
kurz als 'Enkaustik' bezeichnet, im Gegensatz zu weniger gebrauchten Verfahren
mit kaltflüssigen Wachsfarben. Schon früher, wie ältere
Gräberfunde bestätigten und nachher Plinius berichtet, wurde
mit Wachs als Malstoff enkaustisch gearbeitet. Die Mumienportraits aus
dem Fajum verdienen heute nicht nur unsere Bewunderung durch den hohen
Grad ihrer Erhaltung, sie lassen auch manchen Schluss über einzelne
Methoden einer hochentwickelten Technik zu, die im ganzen mit dem Untergang
der antiken Kultur der Vergessenheit anheimfiel. Erst mit dem neunzehnten
Jahrhundert, mit angeregt durch die Funde im Malergrab von St. Médard-des-Près
sind fachliche Interessen an den Verfahren der Wachsmalerei wieder erwacht.
Auch die später als irrig erwiesene Vermutung, manche pompejanischen
Wandbilder seien in Enkaustik gemalt, trug dazu bei, dass von Künstlern
und Wissenschaftlern umfangreiche Versuche zur Rekonstruktion der antiken
Verfahren ausgeführt wurden. Vor allem galt es, das Rezept für
das harte punische Wachs, dessen hervorragende Eigenschaften Vitruv erwähnt,
wiederzufinden. Doch nicht historische Interessen allein veranlassten
diese umfangreichen Untersuchungen, mehr noch war es die Wachsfarbe selbst,
die viele Maler bewog technischenMethoden zu erforschen, nach denen diese
in Material und Wirkung gleich edle Farbe vermalt werden konnte. Diese
Forschungen wurden erst in den letzten Jahrzehnten, vor allem durch die
unermüdlichem Arbeiten des Münchener Stadtkuraten Dr. Hans Schmid,
zu einem gewissen Abschluss gebracht. Verglichen mit den Leistungen der
heutigen Wachsmalerei darf die Technik der Alten im wesentlichen als wiederentdeckt
gelten.
Es gibt kaum eine Farbe - das entrückte,
dumpfe Strahlen farbiger Glasbilder ausgenommen -, die so völlig
entmaterialisiert und nur als Farbklang wirkt, wie die Wachsfarbe. In
den Lasuren erscheint sie als farbiger Hauch, weder Pigment noch Bindemittel
drängen sich vor. Pastos aufgetragen lässt sich die makellose
Reinheit der Wachsfarbe, ihre Tiefe, in die sich das Auge verlieren kann,
nur mit dem stillen Glanz von Halbedelsteinen vergleichen. Es ist der
"holde Schein", der hier dem Wort Farbe als sichtbares Abstraktum
entspricht, ohne den Mitklang farbiger Substanz, ganz unbeschwert von
Sonderheiten, die andere Malverfahren erkennen lassen und damit auch vom
Technischen her die künstlerische Form eines Bildes entscheidend
mitgestalten.
Vom Malgrund aus betrachtet zählt die
Enkaustik zu den Seccoverfahren der Wandmalerei, also zu jenen Techniken,
die als Malfläche eine Wand mit gut durchgetrocknetem Putz voraussetzen.
Der Verputz selbst kann die verschiedenen Schichten aufweisen, über
die in unseren Bemerkungen zum Fresco buono berichtet wurde.
|
|
Marmorsand, statt des üblichen Flusssandes in der obersten
Schicht, gibt dem Malgrund eine rauhgriffige Schönheit. Auch bei
Holzstafeln, die ebenfalls mit Wachsfarben bemalt werden können,
ist der Haftbarkeit der Farbe wegen ein mäßig rauher Grund
einer glatten Malfläche vorzuziehen. Das Bindemittel der Enkaustikfarben
ist ein gereinigtes, gebleichtes und in einem besonderen Verfahren mit
Hilfe von Meerwasser gehärtetes Bienenwachs. Durch diese Prozeduren
entsteht eine feste Wachsmasse, deren Schmelzpunkt wesentlich erhöht
liegt. Geringer Zusatz von Harzen gleicht den Ausdehnungskoeffizienten
des Wachses dem des Malgrundes an. Dem Verlangen der jeweiligen Farbe
entsprechend, wird das Wachs in heißflüssigem Zustand mit bestimmten
Farbpulvermengen innig vermischt und in Formen zu kerzenartigen Farbstiften
gegossen.
Nicht ein Malmittel, wie etwa bei der Öltechnik, verdünnt die
Wachsfarbe, sondern hier ist es meist die Wärme allein, welche die
harten Wachsfarben schmilzt und somit vermalbar macht. Mit Wärme
wird auch die Wand vor Beginn der Malerei zur Aufnahme der Farben vorbereitet.
Bei den Alten geschah dies umständlich mit Becken glühender
Holzkohlen; heute nimmt der Künstler den eigens hierfür konstruierten
elektrischen Handstrahler, der nach dem System der Heizsonnen gearbeitet
ist. Doch bei dicken Wänden, die gründlich durchwärmt sein
wollen, greift er zur Lötlampe; immerhin erfordert dieser Flammenwerfer
en miniature in der Handhabung ein besonderes Fingerspitzengefühl,
denn zu heftiges Erwärmen verwandelt den kohlensauren Kalk der obersten
Malschicht in Brandkalk, der die Farbe wieder absprengen kann. Auch einzelne
Farbstoffe selbst laufen Gefahr, durch übermäßiges Erhitzen
in Ton verwandelt zu werden. Handstrahler oder Lötlampe werden während
des Malens dauernd gebraucht, zunächst dann, wenn der Wand eine erste
Farbschicht einzuschmelzen ist, die mit quergefassten Farbstiften in Pastellmanier
durch Abreiben aufgetragen wurde.
Das eigentliche Malen geschieht mit Borstenpinseln,
besonderen Löffeln und Spachteln. Auf einer elektrisch beheizten
Metallplatte mit napfartigen Vertiefungen wird die Farbe flüssig
gehalten; sie ist in diesem Zustand, wie etwa eine Ölfarbe, ohne
weiteres vermalbar. Der hierfür meist gebräuchlichen einfachen
Palette mit unterbautem Heizkörper ist ein Gerät mit einer Einstellung
auf verschiedene Wärme-grade, bei dem die Heizschlangen in feuerfesten
Kunststein eingebettet sind, vorzuziehen, weil hiermit dem Künstler
ein mehr oder minder flüssiges Farbmaterial gegeben wird, wie es
gerade der Stand der Arbeit verlangt. Entsprechend dem Cauterium der Alten,
mit dem die Farbe pastos aufgetragen und nachmodelliert wurde, hat man
heute elektrisch beheizte Heißspachteln mit regulierbarem Widerstand
in allerlei Formen und Stärken konstruiert, auch solche mit griffelartiger
Spitze, die an das Cestrum der antiken Maler erinnern, das vornehmlich
für Wachsmalerei auf Elfenbein verwendet wurde. Schon der Gebrauch
dieser Geräte mit der Wärme als Helfer, verlangt vom Maler Vertrautheit
mit dem Verfahren, das ihn indes reichlich lohnt und ihm alle technischen
Möglichkeiten gibt, die er sich für seine schöpferische
Arbeit nur wünschen kann. Die Wachsfarbe, mit Terpentin weiter verdünnt,
lässt feinste Lasuren zu. Ebenso ist es möglich, die Farbe pastos
zu häufen und Übergänge ineinander zu schmelzen. Unter
dem Handstrahler oder der Lötlampe wird die angetrocknete Farbe wieder
malbar, sie lässt sich weiter verarbeiten in zäherem Zustand
bei mäßiger Wärme, sie kann durch größere Hitze
zu fast wässrigem Fluss gebracht werden. Und schließlich wird
die Wachsfarbe vom heißen Strahl der Brennlampe getroffen, brutzelnd
zergehen und mit Malgrund, Untermalung und benachbarten Farben zusammen-schmelzen.
Alle diese verschiedene Möglichkeiten des Farbauftrages und die Methoden
einer weiteren Verarbeitung auf der Wand können ganz nach den künstlerischen
Notwendigkeiten abwechselnd Anwendung finden. Zuletzt wird das Gemalte
noch einmal mit dem Handstrahler übergangen und eingebrannt.
Wachsfarbengemälde haben sich als außerordentlich
haltbar erwiesen, ihre Farben bleiben für alle Zeit in Wachs eingeschlossen,
unerreichbar dem zerstörerischen Sauerstoff der Luft, der auf die
Farben anderer Verfahren ständig einwirken kann. Wachs ist auch im
Ablauf größter Zeiträume keiner Verwandlung, keiner Zersetzung
unterworfen; es ist nicht nur ein ideales Bindemittel, das sich in den
Malgrund einschmelzen lässt, sondern gleichzeitig auch Firnisschicht,
welche schützend die Farben deckt. Das fertig bemalte Bild zeigt
auf seiner Oberfläche ein mattes Leuchten, das durch Bürsten
und Nachreiben mit einem Tuch zu seidigem Glanz gesteigert werden kann.,
Es ist nie ein harter Schein, der sich vordrängt, eher sind es Wirkungen,
die zurückhaltend und damit nur dem Motiv selbst dienstbar bleiben.
Doch dem Auge, das sich auch an farbigen Klängen allein zu erfreuen
vermag, erschließen sich Einsichten in ein stilles Reich malerischer
Kostbarkeiten, die hier das heißvermalte Wachs geschaffen hat und
für immer bewahrt.
|
|